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Über den Prager Stadtneurotiker

Die Angst lastet bereits auf dem Schulkind wie ein böser Geist. In einem Brief schildert Kafka später die sich täglich wiederholende Qual: „Beim Aus-dem-Haus-Treten sagte die Köchin, sie werde dem Lehrer erzählen, wie unartig ich zuhause gewesen bin.“ Je näher er zur Schule kommt, desto mehr steigert sich die Angst. (…) Obwohl die Köchin ihre Drohungen nie wahr macht, lässt ihn die Angst nicht mehr los. Andererseits beflügelt ihn die Angst vor dem Versagen zu ausgezeichneten Schulleistungen. Die Lehrer schätzen ihn. Vor der Aufnahmeprüfung ins Gymnasium jedoch hat Kafka Alpträume. „Oft sah ich im Geist die schreckliche Versammlung der Professoren …“ Die  Schule mit ihren furchteinflößenden Prüfungen bleibt ihm sein Leben lang ein Horror.
Kafkas Vater, oder besser Übervater, dessen aus allen Nähten platzende Energie das Prager Galanteriewarenunternehmen ständig vergrößert, regiert Kinder, Frau und Angestellte mit despotischer Strenge. Für ihn sind sie „Vieh, Hunde“ und „bezahlte Feinde“. Seine Erziehungsmethode beschränkt sich auf Befehle. Nach dem Abitur weiß Kafka nicht, was er werden soll. Er hat sich mit Darwin, Haeckel und Nietzsche beschäftigt. Soll er Philosophie studieren? Der Vater bekommt einen Tobsuchtsanfall, also studiert Franz zwei Wochen lang Chemie und wechselt dann zu Jura. Er will so schnell wie möglich einen Brotberuf haben, um vom ungeliebten Elternhaus unabhängig zu werden. Nebenher beginnt er zu schreiben, aber das ist die reinste Qual: Ständig plagen ihn Selbstzweifel. Da lernt Kafka eines Tages den gleichaltrigen Max Brod kennen, der ebenfalls literarische Ambitionen, jedoch weder Ängste noch starke Selbstzweifel hat. Dem Freund liest der sonst so Scheue seine literarischen Versuche vor und erntet uneingeschränktes Lob. Denn was er schreibt, ist erstklassig, nur weiß es niemand.
Nachdem Kafka sein Jurastudium beendet hat, kommt er als „Aushilfskraft“ bei einer Versicherung unter. Das gefällt ihm. Ein Jahr später erscheint seine erste Veröffentlichung in der Zeitschrift „Hyperion“. Peu à peu wird alles besser. (…) Ständig von Kopfschmerz und Nervosität geplagt, wird Kafka Vegetarier. Tagsüber dient er brav als Versicherungsangestellter, nachts aber schreibt er „mit unglaublicher Ekstase“, oft ohne Essen und Schlafen, seine unheimlichen Geschichten. Da verdonnert ihn der Vater dazu, Teilhaber der Asbestfabrik seines Schwagers Karl Hermann zu werden. Statt zu schreiben, soll Kafka in seiner Freizeit beim Aufbau der Fabrik helfen. Kafka ist verzweifelt und möchte sich umbringen. Warum wollen sie ihn quälen, etwas zu tun, was er nicht kann? Er kommt sich vor wie ein zu Unrecht Verurteilter. Sein berühmter Roman „Der Prozeß“ begann ursprünglich mit dem Satz: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, war er eines Morgens gefangen.“
Eines Tages lernt Kafka bei Max Brod die junge Berlinerin Felice Bauer kennen: „Blondes, etwas steifes reizloses Haar, starkes Kinn.“ In ihren Armen hofft er Trost zu finden. Zweimal ver- und entloben sie sich. Schließlich stellt der Arzt bei Kafka eine Lungentuberkulose fest. Kafka verlobt sich mit einer anderen Dame, entlobt sich, sucht Gesundung in Sanatorien, verliebt sich erneut, schreibt, schreibt, schreibt und stirbt mit 41, ohne dass die große Welt weiß, welches literarische Genie die Erde verlassen hat. Die Angst vor einem schmerzvollen Tod lässt Kafka seinen Arzt, der ihm eine sanfte Erlösung versprochen hatte, anflehen: „Töten Sie mich, sonst werden Sie mein Mörder.“
Seinen Freund und Bewunderer Max Brod trug Kafka auf, seinen gesamten Nachlass „restlos und ungelesen zu verbrennen.“ Zum Glück hat Max Brod diesen letzten, verrückten Wunsch ignoriert.
aus: Michael Korth, „Lexikon der verrückten Dichter und Denker. Berühmte Dichterfürsten und Geistesriesen, wie sie keiner kennt“, Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2003

Franz Kafka

War ein Jurist und Schriftsteller. Er schrieb unter anderem „Der Prozeß“, „Die Verwandlung“, „Das Schloß“.

*

03.07.1883 in Prag, Tschechische Republik†
03.06.1924 in Kierling (Niederösterreich), Österreich

Ich habe seine Bücher alle gelesen, er ist für mich einmalig in der Darstellung der Figuren, die in seinen Erzählungen die Hauptrollen spielen.

Treppe zum Haus unter den EichenIch bin vor ein paar Jahren in ein schönes Stück gewachsene Natur gezogen. Ein Eichenwald mit Sträuchern, Efeu, Lilien und vieles mehr. 15 Jahre habe ich es genossen, daß der Lärm der Straße von dem kleinen Wald gedämpft wurde. Vor zwei Wochen war das mit einem Schlag vorbei, es brandte aber wie, mein Wald ist weg. Die Vögel kämpfen um die letzten Bäume, die noch da sind, weil das Unterholz abgefackelt ist. Auf meinem Balkon war ein Grashüpfer, dem ist ein Bein abgesenkt worden, meine Schlangen tagen im Pumpenhaus anstatt in der Regenrinne, und mein Frosch, der in dem Wasserbehälter im Garten war ist abhanden gekommen. Es wird wieder nachwachsen aber es braucht seine Zeit.

 

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